Von Uwe Kalbe
07.11.2014
Politisches Buch

Therapien in der Stunde der Not

»Redefreiheit« - die öffentlichen Debatten im Leipziger Wendeherbst 1989

Eine Szene wie auf der Theaterbühne - Oberstleutnant der Volkspolizei (VP) im »Dialog« mit rund 250 aufgebrachten Bürgern.

Online-Mini-Abo

»VP-Oberstleutnant: ... bis 13 Uhr waren keine geschlossenen Einsätze in der Innenstadt, dann erst eskalierte diese Situation. Und nicht unwesentlich davon geprägt, dass unsere Einsatzkräfte in der Sperrkette angegriffen wurden ... und angepöbelt wurden, bedroht wurden, bedroht wurden ... (die Unruhe steigert sich, Proteste, unverständliche Zwischenrufe). Ein Teilnehmer: … haben aber auch Blumen gekriegt … Eine Teilnehmerin: Das haben wir aber auch umgekehrt erlebt ... (viele Zwischenrufe). Ein Teilnehmer: Jawoll (Proteste, Unruhe). VP-Oberstleutnant: Wir sind beim 7.10. Und, um es ganz deutlich zu sagen, es hat nie einen Befehl gegeben, Befugnisse zu überschreiten. (Entrüstung, Lachen ..., der Redner kann nicht mehr weitersprechen)«

Die Szene ist der Mitschnitt eines Gesprächs am 28. Oktober 1989 im Kabarettkeller der »academixer« in Leipzig. Hier spielten sich emotionale Momente jener erregenden Realität vor 25 Jahren ab, die heute wahlweise als Wende oder friedliche Revolution bezeichnet wird. Der Dialog ist einem jetzt erschienenen, schwergewichtigen Band des Leipziger Universitätsverlages entnommen, der dem Leser bietet, was so viele angebliche Gedenk- und Aufarbeitungsbücher, -filme und -sendungen in diesen Tagen nur versprechen.

Der Band »Redefreiheit« dokumentiert ein seltenes Unterfangen: Bürger stellen die Obrigkeit zur Rede. Insgesamt 9000 Menschen waren der Einladung zu elf öffentlichen Gesprächsrunden in Leipzig gefolgt, die nach dem 9. Oktober 1989 organisiert wurden. Die für die Beteiligten ungewohnten, hitzigen Gespräche im »academixer«-Keller wie auch in der Moritzbastei, dem Studentenklub der Karl-Marx-Universität, und im Gewandhaus zeigten, wie der 9. Oktober einige Tage zuvor die Machtbalance im Land verändert hatte. Noch am 7. Oktober hatte der Staat mit Schlagstöcken und Wasserwerfern Macht demonstriert. Die Vorwürfe gegen den VP-Mann im »academicer«-Keller waren Folge dieser Ereignisse.

Am 9. Oktober hatten sich die Montagsdemonstranten von der Drohung nicht aufhalten lassen, dass ihr Marsch über den Leipziger Innenstadtring blutig enden werde. Hingegen waren die Sicherheitskräfte zurückgewichen, auch wegen widersprüchlicher Befehle. Die SED-Führung war zu dieser Stunde in einen internen Machtkampf verwickelt, der sich in unterschiedlichen - wenn auch gleichermaßen hilflosen - Konzepten zum Umgang mit den Demonstranten äußerte. Die Sicherheitskräfte blieben letztlich sich selbst und den Anweisungen der mittleren Entscheidungsebene überlassen. »Bei einer Konterrevolution hätten wir keine Auseinandersetzung gefürchtet«, doch »vor uns stand das Volk«, wird in dem Buch ein Stasi-Major wiedergegeben.

Der 9. Oktober ließ die Herrschaftsstrukturen jedoch unangetastet, wie die Autoren des Buches feststellen. In dieser unübersichtlichen Lage dienten die Debatten als »Akut-therapie in der Stunde der Not«. Die Treffen, zu denen Künstler und Bezirksfunktionäre der SED aufgerufen hatten, wurden zum Ventil für Emotionen und boten zugleich die Möglichkeit des Austausches zwischen den nicht mehr Mächtigen und den nicht mehr Ohnmächtigen.

Das Buch gleiche einer Sonde, die in das Leipziger Stimmengewirr der friedlichen Revolution hinabgelassen wurde, heißt es zutreffend auf dem Einband. Wo es nicht vom Tumult verschluckt wird, ist Wort für Wort nachzuempfinden, welche Nöte, welche Erwartungen die Teilnehmer trieben in diesen Wochen zwischen dem 14. Oktober und 19. November 1989, dem Termin der letzten dieser Debatten. Angestaute Frustration wird fühlbar, Befreiung und die Hoffnung auf eine bessere DDR, die zum Teil wütend zum Treffen erschienene Bürger offenbar auch zu dieser Stunde mit den von ihnen vielfach erbarmungslos gescholtenen Vertretern der Macht verbindet.

Die Redefreiheit mag eine der erfüllendsten Erfahrungen dieser Zeit für viele Menschen gewesen sein. Und eine der trügerischsten. Auch die Teilnahme an den Diskussionsrunden forderte Mut, sicher auf beiden Seiten. Im Buch findet sich das Beispiel eines Mitglieds des zu dieser Zeit noch illegalen Neuen Forums. »Ich bin illegal, ich bin verboten«, beginnt dieser seinen Beitrag, und erst die Sicherheitsgarantie, die der Gastgeber, Universitätsrektor Horst Hennig, daraufhin ausspricht, beruhigt den Mann.

Die historische Forderung der Redefreiheit sei heute eingelöst, stellen die Buchautoren am Ende fest. Sie selbst schränken den Wert dieser Errungenschaft ein: »In der DDR-Diktatur stießen kritische Meinungsäußerungen der Bürger an das stahlharte Tor der verriegelten Öffentlichkeit - und das bisweilen mit bösen Folgen für den Einzelnen. Heute hingegen wirkt der Versuch, Öffentlichkeit zu gewinnen, oft wie das folgenlose Trommeln an die Wände einer Gummizelle.«

Thomas Ahbe/Michael Hofmann/Volker Stiehler (Hg.): Redefreiheit. Öffentliche Debatten der Leipziger Bevölkerung im Oktober und November 1989. Leipziger Universitätsverlag 2014. 750 S., geb., 39 €.

Werbung in eigener Sache

Linker Journalismus ist nicht umsonst

Sie können die meisten Inhalte der Tageszeitung neues deutschland auf neues-deutschland.de kostenlos lesen. Erstellt werden sie jedoch von bezahlten Redakteuren. Unterstützen Sie linken Journalismus und schließen Sie ein Abo ab:

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken