Stuttgarter Zeitung

23.03.2010

Seite   27

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Sympathische Verlierer

Ostdeutsche Eine Studie nimmt ihr Bild in den Medien unter die Lupe.

Von Ute Grundmann

Als sich durch den Mauerfall West- und Ostdeutsche gegenüberstanden, begann eine Zeit des Kennenlernens. Dabei spielten die Medien eine wesentliche Rolle, denn sie lieferten Bild er und Reportagen von "drüben". Wie die Ostdeutschen in den westlichen Medien dargestellt wurden, haben nun Wissenschaftler untersucht. Ihr Fazit: die Darstellung in den Leitmedien war westzentriert und oft von der Überzeugung geprägt, der Westen sei das "richtige" Deutschland, der Osten dagegen die Abweichung von der Norm.

Ein "Wessi" ist der Westler nur im Osten, der "Ossi" dagegen ist es überall - zu diesem Schluss kommt Juliette Wedl, die sich mit der Darstellung des Ostens in der Wochenzeitung "Die Zeit" beschäftigt hat. Die Ostdeutschen wurden dort als Kollektiv gesehen, dem Leser wurde erklärt, wie diese denken und fühlen. Der Westler im Osten dagegen bleibt immer eine einzelne Persönlichkeit. Das, so Wedl, habe die Trennung mehr zementiert als sie aufzuheben.

Für die Studie "Die Ostdeutschen in den Medien" (Hrsg. Thomas Ahbe, Rainer Gries, Wolfgang Schmale; Leipziger Universitätsverlag, 24 Euro) wurde nicht nur die "Zeit" unter die Lupe genommen, sondern auch die " Bild "-Zeitung, die "Süddeutsche Zeitung" (SZ), die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ), der "Spiegel" und teilweise auch die "tageszeitung". Diese Leitmedien hätten dazu beigetragen "das im vereinigten Deutschland gültige Wissen über Ostdeutschland und die Ostdeutschen zu produzieren". Dabei haben die Experten bemerkenswerte Unterschiede in der Berichterstattung aufgedeckt.

So wurden die aus der DDR Geflohenen in der " Bild "-Zeitung als absolut hilflos dargestellt, im "Spiegel" dagegen als "die Landsleute von drüben". Nach der Wende sah man bei " Bild " die Neubürger als "etwas rückständig" an, während man in "Spiegel" und "Süddeutscher" schon die künftigen Verteilungskämpfe kommen sah. Auch zwischen 1990 und 1995 sehen die Wissenschaftler deutliche Unterschiede in der Berichterstattung. Während die FAZ "Volksschelte" und wenige Wochen nach der Grenzöffnung vor allem Düsteres geboten habe, holte die SZ Ex-DDR-Autoren, die mit Schaudern in die ehemalige Heimat blickten, und die "tageszeitung" habe das Ostthema für "Fundamentalkritik" am bundesrepublikanischen System genutzt. 1995 sei dann "Normalität mit noch nicht gelösten Problemen" (FAZ) dargestellt worden, die SZ habe Schwierigkeiten aufgezeigt, der "Spiegel" dagegen "den Ostdeutschen als Helden des wirtschaftlichen Umbruchs", oft als sympathischen Verlierer, aber nicht als Versager präsentiert.

Zur Jahrtausendwende erkennen die Wissenschaftler sinkendes Interesse am Osten sowie eine "Verhärtung der Deutungsmuster zu den Ostdeutschen". Deren Erfahrungen und Werte passten nicht ins Westsystem - und würden als falsch oder irrelevant dargestellt.

Leitmedien wie die " Bild "-Zeitung haben das Bild der Ostdeutschen mit geprägt. Foto: dpa

 


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