Ein „Ossi“ war man überall

Vom 25.07.2010, 12:05 Uhr
Große Einigkeit verspürten die Deutschen im Herbst 1989. Die Medien berichteten allerdings ganz anders Foto: dpaGroße Einigkeit verspürten die Deutschen im Herbst 1989. Die Medien berichteten allerdings ganz anders Foto: dpa

Leipzig. Als sich durch den Mauerfall West- und Ostdeutsche unverhofft gegenüberstanden, begann eine Zeit des Kennenlernens. Dabei spielten die Medien eine nicht unwesentliche Rolle, denn sie lieferten Bilder und Reportagen von „drüben“. Wie die Ostdeutschen in den (West-)Medien dargestellt wurden, haben Wissenschaftler untersucht.

Ihr Fazit lautet: Die Darstellung in den Leitmedien war westzentriert, oft von Herablassung und von der Überzeugung geprägt, der Westen sei das „richtige“ Deutschland, der Osten dagegen die Abweichung von der Norm.

Ein „Wessi“ ist der Westler nur im Osten, der „Ossi“ dagegen ist es überall. Zu diesem Schluss kommt Juliette Wedl, die sich mit der Ost-Darstellung in der „Zeit“ beschäftigt hat. Die Ostdeutschen wurden dort als Masse, als Kollektiv gesehen und dem Leser erklärt, wie diese im Allgemeinen denken und fühlen. Der Westler im Osten dagegen bleibt immer eine einzelne Persönlichkeit. Das, so Wedl, zementierte die Trennung mehr als sie aufzuheben.

Für den Band „Die Ostdeutschen in den Medien“ (Hrg. Thomas Ahbe, Rainer Gries, Wolfgang Schmale; Leipziger Universitätsverlag, 24 Euro) wurde nicht nur die „Zeit“ unter die Lupe genommen, sondern auch die „Bild“-Zeitung, die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ), die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ), der „Spiegel“ und, teilweise, auch die „Tageszeitung“ (taz). Die sehen die Wissenschaftler als die Leitmedien, die dazu beitrugen, „das im vereinigten Deutschland gültige Wissen über Ostdeutschland und die Ostdeutschen zu produzieren“. Und sie haben bemerkenswerte Unterschiede und Veränderungen in der Berichterstattung ausgemacht.

So wurden die aus der DDR Geflohenen in der „Bild“ als absolut hilflos dargestellt, im „Spiegel“ dagegen als „die Landsleute von drüben“. Nach der Wende sah man bei „Bild“ die Neubürger als „etwas rückständig“ an (weshalb man einen „Notruf für Ostdeutsche“ einrichtete), während man in „Spiegel“ und „SZ“ (auch) schon die künftigen Verteilungskämpfe kommen sah. Im „Spiegel“ schrieb man von der Reservearmee für Arbeitsmarkt und Rentenkasse, „ähnlich überzählig wie viele Nachkommen der einst gerufenen Gastarbeiter.“

Auch zwischen 1990 und 1995 sehen die Wissenschaftler deutliche Unterschiede in der West-Berichterstattung. Während die „FAZ“ „Volksschelte“ und wenige Wochen nach der Grenzöffnung vor allem Düsteres geboten habe, holte die „SZ“ ehemalige DDR-Autoren, die mit Schaudern in die ehemalige Heimat blickten. Auch der „Spiegel“ habe sich nicht unbedingt glücklich über das wiedervereinigte Vaterland gezeigt, während die „taz“ das Ost-Thema für „Fundamentalkritik“ am bundesrepublikanischen System genutzt habe. 1995 sei dann „Normalität mit noch nicht gelösten Problemen“ (FAZ) dargestellt worden, die „SZ“ habe Konflikte und Schwierigkeiten aufgezeigt, der „Spiegel“ dagegen „den Ostdeutschen als Helden des wirtschaftlichenUmbruchs“, oft als sympathischen Verlierer, aber nicht Versager.

Insgesamt, so das Fazit dieser Studie 20 Jahre nach der Wiedervereinigung, diene das mediale Bild der Ostdeutschen nach wie vor dazu, westdeutsche Identitäten zu stützen.