September 24, 2010
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Medien von Frank Wilhelm

„Die Ossis als defizitäre Exoten“

Neubrandenburg. Der Wissenschaftler Dr. Thomas Ahbe forscht schon seit längerem an einem besonders interessanten Gegenstand: Die Widerspiegelung der Ostdeutschen in überregionalen deutschen Medien. Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern hat er jüngst den Band "Die Ostdeutschen in den Medien. Das Bild von den Anderen nach 1990 herausgebracht". Eine von Ahbes provokanten Thesen: „Die Medien aber sind immer noch westdominiert: Personell, von den Besitzverhältnissen und natürlich von ihrer Perspektive her.“ Mit dem Wissenschaftler sprach Frank Wilhelm.
Thomas Ahbe
Thomas Ahbe
Foto: Frank Wilhelm

Welches Bild verbreiten überregionale Medien über die Ostdeutschen?
Der Osten und die Ostdeutschen wird als das Andere des Westens konstruiert. Die Ostdeutschen werden in der Tendenz als defizitär dargestellt: nicht so modern, nicht so flexibel, nicht so initiativreich, nicht so weltläufig, nicht so stilsicher wie „wir Westdeutschen“. Stattdessen sind sie irgendwie problematisch, belastend. Diese Tendenz hat sich verstärkt. Die Ossis erscheinen also als defizitäre Exoten. Entworfen wird dieser Fremdblick von westdeutschen Positionen aus, die bis hin in die sprachlichen Strukturen, das konnten Germanisten zeigen, als »Normal Null«“ fungieren.

Gibt es Unterschiede zwischen den überregionalen Medien in der Darstellung der Ostdeutschen? (TAZ, Süddeutsche, FAZ, Spiegel)
In den von mir untersuchen Zeiträumen (1989/90 bis 1995) gab es zwischen den Ost-Diskursen der o.g. Presse-Akteure deutliche Unterschiede, sowohl simultan, also zwischen den Medien, wie auch diachron, also zwischen dem Untersuchungsschnitt von 1989/90 und dem von 1995.
Um einige Beispiele zu geben:
Nach der Grenzöffnung und der Aufhebung der Teilung (für die ja der Mauerbau 1961 nur den Schlussstein der seit 1952 vorgenommenen Abriegelung war) sprach die SZ immer wieder vom „Wiedersehen“ oder auch von „Brüdern und Schwestern“. Insofern ist der SZ-Diskurs dieser Zeit ,sozialisationstheoretisch naiv‘. Ob die Sozialisation in der DDR aus den Brüdern und Schwestern vielleicht doch Menschen gemacht hat, die nicht so wie die Westdeutschen werden wollen oder können, erörtert die SZ nicht. Anders ist hier der taz-Diskurs: Er fragt schon 1989/90 nach der psychischen Situation der Ostdeutschen, ihren Kränkungen und danach, ob sie andere Wertvorstellungen und Handlungsmuster als die Westdeutschen ausgebildet haben. Hier kann man sehen, wie sich die im taz-Milieu jahrelang am Beispiel der Bundesrepublik eingeübte Reflexion über die psychischen Effekte „repressiver gesellschaftlicher Strukturen“ – wie es damals hieß – bei der Darstellung eines neuen Gegenstandes niederschlägt. (Übrigens: In den anderen Ost-Diskursen kam die Rede von den so genannten „psychischen Deformationen“ der Ostdeutschen erst Jahre Später auf, als man Erklärungen für den geringen Erfolg des „Aufbau“ Ost und das Ausbleiben der „inneren Einheit“ suchte.)

Hat sich das Bild im Verlauf der Zeit seit Ende der 80-er Jahre gewandelt?
Diachron zeigen sich die Unterschiede am deutlichsten im Ost-Diskurs der F.A.Z. Der wirkt Anfang 1990 noch dramatisierend und mobilisierend. Man befürchtete, dass sich die alte Macht wieder reorganisieren würde, sagte für einen SED-Sieg im im Frühjahr weitere Fluchtwellen voraus und kolportierte Ängste vor dem Bürgerkrieg. In einer wahren Volksschelte wird einmal im Januar 1990 beschrieben, wie problematisch die Ostdeutschen seien: „Das Heer der Funktionäre und Bürokraten, der Aufpasser und Spitzel, die sich vor einer freien Gesellschaft fürchten müssen. Aber auch den Bauern im Norden, in der Altmark oder in Mecklenburg steht der Sinn nicht nach Veränderung. Ihnen hat die Kollektivierung der Landwirtschaft zu einer bescheidenen Sicherheit verholfen, die sie nicht riskieren wollen. Ganz ähnlich denken viele Arbeiter, die ihren Schlendrian als soziale Errungenschaft verteidigen. Von den neuntausend Arbeitern im Eisenacher Wartburgwerk hat kaum einer den Weg zu den Oppositionsgruppen gefunden.“ Im Jahr 1995 hat der Ost-Diskurs der F.A.Z. einen beschönigenden Tenor: Nun, da auch im Osten das gute, rationale und effiziente System etabliert ist, vermag man dort auch nur noch Normalität zu erkennen. Eventuelle Probleme sind noch nicht gelöste Probleme, ihre Lösung ist nur eine Frage der Zeit. Das klingt schon ziemlich staatstragend und erinnert ein bißchen an DDR-Medien.
Weniger stark wandelte sich beispielsweise der Ost-Diskurs der taz: In der Fundamentalkritik der bundesdeutschen Verhältnisse und seinem empathischen Blick auf die kleinen Leute blieb er sich gleich. Als allerdings im Laufe des Jahres 1990 klar geworden war, dass die ostdeutsche Masse keine Alternative zum bundesdeutschen Lebensmodell, sondern nur dessen Kopie anstrebte, schwand das anfängliche Sonderinteresse an den Ostdeutschen.

Fehlte das Verständnis von Anfang an, beispielsweise bei der Darstellung der DDR-Flüchtlinge, und hat sich bis heute nur verfestigt?
Es geht im engeren Sinne nicht um Verständnis. Es ist immer eine hohe Anforderung, andere Kulturen wirklich zu verstehen anstatt sie nur zum Spiegel, zum Projektionsschirm eigener Identitäts-Bedürfnisse zu machen. Es geht also weniger darum, von den Westdeutschen Verständnis einzufordern, sondern Regelgleichheit (oder um es martialischer zu sagen: Waffengleichheit) beim Kampf um Anerkennung der ostdeutscher Erfahrungen und Werte. Diese Gleichheit war nie gegeben. Nach 1990 befanden sich ostdeutsche Akteure und Sprecher überall und in jeder Hinsicht in einer subalternen Position. Diese Asymmetrie begann sich allmählich etwas abzuschwächen, besonders im Politikbetrieb, zum Teil auch in den Sozial- und Geschichtswissenschaften. Die Medien aber sind immer noch westdominiert: Personell, von den Besitzverhältnissen und natürlich von ihrer Perspektive her. Die Differenzierungen und Präzisierungen, welche die Sozial- und Geschichtswissenschaften über Ostdeutschland und die Ostdeutschen herausgearbeitet haben, nehmen die Medien immer noch nicht auf, sie nutzen weiter die „bewährten“ Stereotype. Ostdeutsche Sprecher tauchen in den überregionalen Medien fast nur in ihrer Eigenschaft als Revolutionäre und/oder Opfer der DDR-Diktatur auf, nicht aber als Repräsentanten der ostdeutschen Mehrheits-Erfahrung. Im Jahr 2008 bezeichneten sich in einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung 14 Prozent der Ostdeutschen als „direkt vom SED-Unrecht betroffen“ – also von der Verweigerung der Zulassung zum Studium bis zur Inhaftierung. Die Erfahrung der ostdeutschen Mehrheit ist also eine andere als die der Opfer und der Revolutionäre, nämlich: Fügsamkeit und Konformität, Arrangement und Identifikation mit den Verhältnissen.

Warum gab es aus Ihrer Sicht Ende der 90er Jahre eine „Verhärtung“ der Muster?
Vieles, was Anfang der 1990er Jahre noch als Anfangsschwierigkeiten gedeutet wurde, manifestierte oder verschlimmerte sich Ende der 1990er Jahre. Dass „ihr“ überlegenes System im Osten kein „zweites Wirtschaftswunder“ geschaffen hatte, war für viele Westdeutsche wenn nicht kränkend, so doch stark erklärungsbedürftig. Auch die Ostdeutschen erschienen undankbar und machten nicht die erwünschten Lernfortschritte: Sie nahmen „unser Geld“ aus dem Westen, ließen sich aber nicht daran hindern, die „falsche“ Partei zu wählen und „falschen DDR-Erinnerungen“ anzuhängen. Die Frustration schlug sich nieder in einem bestimmten Ossi-Stereotyp: Der von der DDR-Diktatur deformierten Persönlichkeit, die dem Staat gegenüber fordernd aber ansonsten passiv, immobil und wenig selbstverantwortlich ist, der Demokratie fernstehend, dafür fremdenfeindlich, rechtsextrem und antisemitisch. Einmal abgesehen von der bei Ostdeutschen tatsächlich ausgeprägteren Fremdenfeindlichkeit sind das alles mehr oder weniger Konstruktionen.

Was sind die Ursachen dafür, dass die Ostdeutschen bis heute als fremdartig wahrgenommen werden?
Weil sie wirklich anders sind. Der Streit, ob sie eine andere Ethnie darstellen, ist nicht aus der Luft gegriffen. Die Angehörigen der Ostdeutschen Minderheit haben 40 + 20 Jahre lang deutlich andere Erfahrungen gemacht. Das Problem ist nicht, dass sie als andersartig wahrgenommen werden, sondern als andersartig und bzw. weil  defizitär wahrgenommen werden. Es ist nicht das freundliche, bereichernde Andere, sondern das belastende, problematische Andere.

Welche Wirkung haben die Medien bei der Ausprägung des Bildes, das Westdeutsche von Ostdeutschen haben?
Sie fühlen sich zurück gesetzt. Das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung stellte in einer Umfrage aus dem Jahr 2008 fest, dass 64 Prozent der Ostdeutschen der Meinung sind, dass Ostdeutsche „irgendwie Bürger zweiter Klasse“ seien und 73 Prozent der Ossis meinen, dass „die Ostdeutschen gegenüber den Westdeutsche benachteiligt werden“. Die beschriebenen medialen Diskurse verfestigen westdeutsche und ostdeutsche Sonderidentitäten. Durch diese Kommunikationsbarriere wird die wechselseitige Anerkennung und damit auch die Möglichkeit Lernens voneinander, die produktiven Auswertung unterschiedlicher Erfahrungen behindert. Das ist für eine Demokratie problematisch.

Werden auch die „Wessis“ durch überregionale Medien in Muster gepresst?
Weniger. Da in den überregionalen zumeist Westdeutsche aus westdeutscher Perspektive ihre Bilder entwerfen, sind, wenn Westdeutsche die Objekte der Beschreibung sind, diese nicht so stark an die Zugehörigkeit ihrer Gruppe gefesselt. Zum Gebrauch der Begriffe Ossi und Wessi in den Medien machte Juliette Wedl die Beobachtung: „Der Wessi wird nur auf fremdem Territorium zum Wessi, und der Ossi ist immer ein Ossi“. Das hängt aus meiner Sicht damit zusammen, dass „der Wessi“, wenn er im Osten ist, als der Fremde wahrgenommen wird und sich auch so fühlt. Zu Hause befindet er sich in seiner Normalität. Die Ostdeutschen können offenbar auf den Effekt, dass sie zu Hause die Normalen sind, nicht bauen. Das liegt daran, dass letztlich Westdeutsche bestimmen, was die Normen sind. Die Ostdeutschen leben also auch in Ostdeutschland unter einem westdeutsch geprägten Diskurs-Himmel. Das erzeugt diese Spannung und das Gefühl, dass man auch hier der Andere ist – «Deutsche zweiter Klasse» nennen die Ostdeutschen das oft. Eine der Reaktionen darauf ist es, die überregionale westdeutsche Presse zu ignorieren.

Welche Verbreitung haben überregionale Medien in Ostdeutschland im Vergleich zu Westdeutschland?
In den Neuen Bundesländern erreichen die überregionalen Tagezeitungen nur ein Viertel und die Magazine zum Zeitgeschehen nur die Hälfte ihrer in den Altländern bestehenden Reichweite.

Verstehen wir Ostdeutschen die Westdeutschen besser als die Westdeutschen die Ostdeutschen?
Gezwungenermaßen ja – obwohl es natürlich auch bei den Ostdeutschen ausgeprägte Ressentiments gegen die Wessis gibt. Der deutsche Spießer – der wohnt ja angeblich immer jenseits der deutsch-deutschen Grenze. Warum aber „verstehen“ die Ostdeutschen die Westdeutschen in der Tendenz dennoch etwas besser als umgedreht? Erstens: Die Ostdeutschen waren die Minderheit (damals war das Verhältnis 1:4, heute ist es 1:5) und Minderheiten müssen sich immer stärker orientieren als die Mehrheitsgesellschaft, die an ihren Denkgewohnheiten nichts ändern muss. Zweitens: Den Ostdeutschen ist ihre gewohnte Welt zu Bruch gegangen. Ob das der Bruch des „Gefängnis DDR“, der „gewohnten Heimat DDR“ oder gar des eigenen „Zukunftsprojektes demokratische DDR“ war, spielt keine Rolle. Denn was kam, war etwas ganz anderes. Die Ostdeutschen mussten in großer Breite und Tiefe umlernen, sie mussten die neue Gesellschaft verstehen und sie mussten außerdem noch verstehen (oder sich ein Bild davon zurechtlegen) woher sie kamen, wer sie sind und was sie einbringen in das neue Deutschland. Das ist eine Situation, die zu verstärktem Reflexionsaufwand nötigt, diesen Zwang hatten die Wessis nicht. Auch im wortwörtlichen Sinne sind die Ossis mobiler: Nur 5 Prozent von ihnen waren noch nie in den Altländern, während 29 Prozent der Westdeutschen noch nie im Osten waren.

Wieso ist das aus Ihrer Sicht ein wichtiges wissenschaftliches Thema?
Die Analyse der Presse-Diskurse zeigt uns, wer auch welche Weise, nach welchen Regeln und entsprechend welcher Wertvorstellungen das „alltägliche Wissen“ in unserer Gesellschaft konstruiert.

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