Die Story

Exakt - Die Story | MDR FERNSEHEN | 05.11.2014 | 20:45 Uhr : Komm, wir spielen DDR - Erinnerungen in Uniform

Ein Film von Anja Riediger

25 Jahre nach der Friedlichen Revolution sind sie noch unter uns und quicklebendig: der NVA-Offizier, die Staatsbürgerkundelehrerin, der Abschnittsbevollmächtigte. Sie wollen lebendige Geschichte vermitteln. Doch warum ist Ostalgie immer noch so populär? Wird damit eine Diktatur verharmlost? "Exakt - die Story" zeigt die Phänomene der wiederbelebten DDR, erfragt bei den handelnden Personen die Motive und lässt die Kritiker argumentieren.

Jugendliche in blauen und weißen Hemden in einem Klassenzimmer

Immer wieder sorgen Enthusiasten dafür, dass die untergegangene DDR noch einmal lebendig wird. Schüler binden sich Pionierhalstücher um und singen Lieder, die vor 25 Jahren zum Repertoire an jeder Polytechnischen Oberschule gehörten. Entertainer in der Uniform eines Abschnittsbevollmächtigten (ABV) nehmen unter heftigem Applaus Auszeichnungen nach sozialistischer Manier vor. Und in England, in der Nähe von Kent, wird auf einer Militärmesse sogar die Berliner Mauer aus Spanplatten und Segeltuch wiederaufgebaut - mit Grenzübergangsstelle und Passkontrolle. "Living History", lebendige Geschichte, heißt das hier.

"Living History" in England

Militärmesse Militärmesse Sean mit vielen Schulkindern: Ein Mann in Uniform zeigt Schulkindern ein Schaubild.

Das "War and Peace Revival" im englischen Kent ist das, nach eigenen Angaben, größte Militariafestival der Welt. Und auch die Geschichte der DDR findet dort ihren Niederschlag. [Bilder]


Spielend die DDR kennenlernen

Doch während sich die einen nostalgisch an ihre Jugend erinnern, haben andere den Anspruch, die Geschichte der DDR an die Jungen weiterzugeben, sowohl an ostdeutschen als auch an westdeutschen Schulen. Dabei laufen Projekte an ostdeutschen Schulen häufiger Gefahr, kritisiert zu werden.

So wurde in Suhl eine Geschichtslehrerin durch das Schulamt gerügt, weil sie sich in FDJ-Hemd mit ihren Schülern fotografieren ließ. Das Foto, das zur Erinnerung an einen von Schülern organisierten Mottotag zur Alltagsgeschichte der DDR entstand, löste heftige Diskussionen aus. Monate später, nachdem es in einer Zeitung erschienen war. Die Schüler fühlten sich zu Unrecht kritisiert, denn sie hatten sich im Rahmen des Projektes auch mit den Repressalien in der DDR beschäftigt.

"Ich weiß, was damals passiert ist. Ich weiß, dass Leute in Stasigefängnissen misshandelt worden sind. Ich weiß, dass Leute schlecht behandelt worden und abgehört worden sind. Und dass am Grenzstreifen Leute erschossen worden sind (...) Das habe ich im Geschichtsunterricht gelernt. Das hat aber nichts damit zu tun, dass ich über den Alltag von damals auch mal was wissen wollte. Dass ich wissen wollte, wie Leute damals gelebt haben."

Julia, ehemalige Schülerin am Gymnasium in Suhl

Einen Thementag zum DDR-Alltag wird es an dieser Schule wohl nicht mehr geben. Nur 50 Kilometer weiter südlich, in Coburg, gab es keine Probleme in irgendeiner Hinsicht - im Gegenteil. Hier hatten Schüler der zwölften Klasse ein dreitägiges Geschichtsseminar zur DDR vorbereitet, während dessen viele Alltagssituationen nachgespielt wurden. Das Projekt wurde vom bayerischen Bildungsministerium als besonders gelungen ausgezeichnet. Doch wo liegt der Unterschied? Es sei die Entfernung, behauptet der Sozialwissenschaftler Thomas Ahbe.

"Diese DDR-Geschichte ist für die Menschen in den alten Bundesländern sehr weit weg. Für die meisten. Deswegen kann man sich auch leichter damit beschäftigen. Deswegen kann man auch schneller über die DDR zu Urteilen kommen."

Thomas Ahbe, Sozialwissenschaftler und Publizist

Tatsächlich zeigt eine deutschlandweite Befragung unter Schülern, dass 73 Prozent aller Jugendlichen im Westen Deutschlands die DDR kritisch sehen, im Osten dagegen nur 40 Prozent. 

Rollenspiel im Schulmuseum

Urban
Exakt - die Story

Elke Urban: "Geschichte ist immer multiperspektivisch"

05.11.2014, 20:45 Uhr | 05:07 min

In ihrem Museum versucht Elke Urban, im Rollenspiel den Schülern die DDR-Vergangenheit nahezubringen. Schülergruppen haben die Möglichkeit, eine DDR-Unterrichtsstunde zu erleben.

Als Lehrerin verkleidet, zeigt sie den Schülern, wie bestimmte Mechanismen damals diktatorisch funktioniert haben. Sie provoziert und versucht bei den jungen Leuten Zivilcourage zu wecken. Am Ende werten alle gemeinsam die Unterrichtsstunde aus.

Streit um Erinnerungskultur

Laut Umfragen betrachtet die Mehrheit der Ostdeutschen die Deutsche Einheit als Gewinn, der Blick zurück aber ist immer häufiger unkritisch. 2009 meinten 49 Prozent, die DDR habe gute und schlechte Seiten gehabt. Den zunehmenden nostalgischen Blick zurück auf die DDR findet Thomas Ahbe unbedenklich und gesteht "Living History"-Veranstaltungen, die die DDR wiederauferstehen lassen, sogar eine therapeutische Wirkung zu. Das Herkunftsland sei ja verstörend schnell verschwunden, meint er.

"Die Ostalgie beschreibt dann faktisch noch mal eine Figur der Rückerinnerung und des nachholenden Abschiedes von dieser DDR, die man glücklich überstanden hat und von der man sich augenzwinkernd verabschiedet."

Thomas Ahbe, Sozialwissenschaftler und Publizist

Knabe
Exakt - die Story

Hubertus Knabe: "Es kommt darauf an, zu welchem Zweck man ein Symbol verwendet"

05.11.2014, 20:45 Uhr | 03:58 min

Geschmacklos dagegen findet Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, solche Veranstaltungen. Man müsse einer allzu positiven Erinnerungskultur entgegenwirken, indem man immer wieder auf die Repressionen in der DDR-Diktatur hinweise, entgegnet er.

Außerdem müsse man sich einfach vorstellen, wie diese Art des Umganges mit der DDR-Geschichte auf jemanden wirke, der in dieser Zeit im Gefängnis war oder dessen Angehörige an der Grenze ums Leben gekommen seien. "Dann weiß man eigentlich ziemlich schnell, dass das weh tut", sagte er.

"Diese Bagatellisierung, Veralltäglichung der Erinnerung, dieser unkritische Umgang geht eigentlich so nicht."

Hubertus Knabe, Direktor der Stiftung Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen

Beide Wissenschaftler sind sich uneins hinsichtlich der Verwendung von DDR-Symbolen. So spricht sich Hubertus Knabe strikt dagegen aus und plädiert für ein Verbot, im öffentlichen Raum DDR-Symbole zu verwenden. Thomas Ahbe dagegen findet ein Symbolverbot übertrieben.

"1989 hat eine Bevölkerung sich selbst von einer Diktatur befreit, nämlich mit der Forderung nach Demokratie. Und ich denke, wir können es dieser Bevölkerung selbst überlassen, wie sie sich ihre Vergangenheit aneignet und sich damit auseinandersetzt."

Thomas Ahbe, Sozialwissenschaftler und Publizist

Zuletzt aktualisiert: 04. November 2014, 09:49 Uhr

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